Die Bilanz und die Erfolgsrechnung sind die zwei grundlegenden Abschlüsse jedes Unternehmens in der Schweiz. Zusammen bilden sie den Kern der vom Obligationenrecht (OR) geforderten Jahresrechnung und stellen die Grundlage der Steuererklärung dar.
Dieser Leitfaden beschreibt die Struktur dieser Dokumente gemäss Schweizer Recht, die einzuhaltenden Bewertungsgrundsätze und die Besonderheiten des Schweizer Kontenrahmens KMU.
Die Bilanz (Art. 959a OR)
Die Bilanz zeigt die Vermögenslage des Unternehmens zum Abschlussstichtag. Sie ist immer ausgeglichen: die Summe der Aktiven entspricht der Summe der Passiven.
Struktur der Schweizer Bilanz
| Aktiven (Mittelverwendung) | Passiven (Mittelherkunft) |
|---|---|
| Umlaufvermögen | Kurzfristiges Fremdkapital |
| Flüssige Mittel und kurzfristige Wertschriften | Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen |
| Forderungen aus Lieferungen und Leistungen | Kurzfristige verzinsliche Verbindlichkeiten |
| Übrige kurzfristige Forderungen | Übrige kurzfristige Verbindlichkeiten |
| Vorräte und nicht fakturierte Dienstleistungen | Passive Rechnungsabgrenzungen |
| Aktive Rechnungsabgrenzungen | Kurzfristige Rückstellungen |
| Anlagevermögen | Langfristiges Fremdkapital |
| Finanzanlagen | Langfristige verzinsliche Verbindlichkeiten |
| Beteiligungen | Übrige langfristige Verbindlichkeiten |
| Sachanlagen | Langfristige Rückstellungen |
| Immaterielle Werte | Eigenkapital |
| Nicht einbezahltes Kapital (-) | Gesellschaftskapital oder Aktienkapital |
| Gesetzliche Reserven (Kapital- und Gewinnreserven) | |
| Freiwillige Reserven | |
| Gewinn- oder Verlustvortrag | |
| Jahresgewinn oder Jahresverlust |
Bewertungsgrundsätze für die Aktiven
Das OR (Art. 960 ff.) legt folgende Bewertungsregeln fest:
- Umlaufvermögen: Bewertung zu Anschaffungskosten oder zum Verkehrswert, wenn dieser tiefer ist (Niederstwertprinzip)
- Anlagevermögen: Bewertung zu Anschaffungskosten, abzüglich der notwendigen Abschreibungen
- Vorräte: Bewertung zu Anschaffungs- oder Herstellungskosten oder zum Verkehrswert, wenn dieser tiefer ist
- Forderungen: Bewertung zum Nennwert, abzüglich der notwendigen Wertberichtigungen (Delkredere)
Obligatorische Reserven
Das Schweizer Recht schreibt die Bildung gesetzlicher Reserven vor:
- Gesetzliche Gewinnreserve: 5% des Jahresgewinns müssen der allgemeinen Reserve zugewiesen werden, bis diese 20% des einbezahlten Kapitals erreicht (50% bei AG, Art. 672 OR)
- Gesetzliche Kapitalreserve: Agio (Emissionsüberschuss) und gewisse andere Einlagen
Die Erfolgsrechnung (Art. 959b OR)
Die Erfolgsrechnung (oder Gewinn- und Verlustrechnung) fasst sämtliche Erträge und Aufwendungen des Geschäftsjahres zusammen. Sie kann nach zwei Methoden dargestellt werden:
Darstellung nach dem Gesamtkostenverfahren (in der Schweiz am gebräuchlichsten)
| Position | KMU-Klasse | Beschreibung |
|---|---|---|
| Nettoerlöse aus Lieferungen und Leistungen | 3 | Nettoumsatz (nach Abzügen) |
| - Material- und Warenaufwand | 4 | Einkäufe, Unteraufträge, Bestandesveränderungen |
| = Bruttogewinn | ||
| - Personalaufwand | 5 | Löhne, Sozialabgaben (AHV, BVG, UVG) |
| - Übriger betrieblicher Aufwand | 6 | Miete, Versicherungen, Unterhalt, Abschreibungen |
| = Betriebsergebnis (EBIT) | ||
| +/- Finanzergebnis | 7 | Zins- und Währungserträge/-aufwendungen |
| +/- Betriebsfremdes Ergebnis | 7 | Erträge und Aufwendungen ausserhalb der Haupttätigkeit |
| +/- Ausserordentliches Ergebnis | 8 | Ausserordentliche, nicht wiederkehrende Posten |
| - Direkte Steuern | 8/9 | Gewinnsteuer (Bund, Kanton, Gemeinde) |
| = Jahresgewinn / Jahresverlust | 9 |
Darstellung nach dem Umsatzkostenverfahren
Das Umsatzkostenverfahren klassiert die Aufwendungen nach ihrer Bestimmung (Herstellungskosten, Verwaltungskosten, Vertriebskosten). Es ist in der Schweiz weniger verbreitet, wird aber von einigen grossen Unternehmen und im Rahmen der IFRS-Normen verwendet.
Der Zusammenhang zwischen Bilanz und Erfolgsrechnung
Bilanz und Erfolgsrechnung sind eng miteinander verbunden: Der Jahresgewinn (oder -verlust) der Erfolgsrechnung findet sich auch in den Passiven der Bilanz im Eigenkapital wieder. Diese Verbindung gewährleistet das Gleichgewicht der Bilanz von einem Geschäftsjahr zum nächsten.
Konkret:
- Ein Gewinn erhöht das Eigenkapital (und damit die Bilanzsumme)
- Ein Verlust verringert das Eigenkapital
- Dividendenausschüttungen verringern das Eigenkapital (aber nicht das Ergebnis des laufenden Geschäftsjahres)
Die wichtigsten Finanzkennzahlen
Aus Bilanz und Erfolgsrechnung lassen sich wesentliche Finanzkennzahlen zur Unternehmenssteuerung berechnen:
| Kennzahl | Formel | Zielwert |
|---|---|---|
| Liquiditätsgrad 3 (Current Ratio) | Umlaufvermögen / Kurzfristiges Fremdkapital | > 1.5 |
| Liquiditätsgrad 2 (Quick Ratio) | (Umlaufvermögen - Vorräte) / Kurzfristiges Fremdkapital | > 1.0 |
| Verschuldungsgrad | Fremdkapital / Bilanzsumme | < 60-70% |
| Eigenkapitalquote | Eigenkapital / Bilanzsumme | > 30-40% |
| EBIT-Marge | EBIT / Umsatzerlös | Je nach Branche (5-20%) |
| Eigenkapitalrendite (ROE) | Reingewinn / Eigenkapital | > 10-15% |
Unsere KU- und MU-Formeln beinhalten ein monatliches Reporting mit diesen Kennzahlen, das Ihnen ermöglicht, die Entwicklung der finanziellen Gesundheit Ihres Unternehmens in Echtzeit zu verfolgen.
Zusätzliche Pflichten für grosse Unternehmen
Unternehmen, die der ordentlichen Revision unterliegen, müssen zusätzliche Informationen liefern (Art. 961 OR):
- Geldflussrechnung: Geldbewegungen, gegliedert nach Betriebs-, Investitions- und Finanzierungstätigkeit
- Lagebericht: Wirtschaftliche Lage, voraussichtliche Entwicklung, wichtige Ereignisse nach dem Abschlussstichtag
- Erweiterter Anhang: Detaillierte Informationen zu Vergütungen der Geschäftsleitung, Beteiligungen, Geschäften mit nahestehenden Personen
Häufige Fehler bei der Erstellung von Bilanz und Erfolgsrechnung
- Fehlende aktive Rechnungsabgrenzungen: Im Voraus bezahlte Aufwendungen nicht abgegrenzt
- Ungenügende Steuerrückstellung: Die Gewinnsteuer muss in der Jahresrechnung zurückgestellt werden
- Nicht verbuchte Abschreibungen: Überbewertung des Anlagevermögens
- Fehlendes oder ungenügendes Delkredere: Zweifelhafte Forderungen nicht wertberichtigt
- Verwechslung von Aufwand und Investition: Ein Materialkauf muss aktiviert werden, nicht als Aufwand verbucht
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